Ich gebe es gleich zu: Ich bin anstrengend. Wenn auf einer Landingpage „34 % nachhaltiger“ steht, lese ich nicht weiter — ich suche die Fußnote. Bezugsjahr? Methodik? Unabhängige Prüfung? Wenn ich sie nicht in zwei Klicks finde, bin ich weg. Nicht aus Prinzipienreiterei, sondern aus Erfahrung: Ein Claim, der die Zahl nicht trägt, trägt meistens auch das Produkt nicht.
Diese Reflexhaltung ist beruflich bei mir entstanden, aber privat genauso aktiv. Und ich bin damit nicht allein — ich bin nur der unbequeme Teil einer Gruppe, die größer ist, als die meisten Marketing-Abteilungen glauben.
Wen Sie verlieren, wenn der Beleg fehlt
Der teure Irrtum lautet: „Ein bisschen Übertreibung schadet nicht, die meisten schauen eh nicht genau hin.“ Stimmt — die meisten nicht. Aber meine Erfahrung ist: Die, die genau hinschauen, sind selten die, auf die Sie verzichten wollen. Es sind oft genau die, die Budgets verantworten, die weiterempfehlen, die in der Einkaufsrunde das letzte Wort haben. Wenn ein unbelegter Claim die verliert, verlieren Sie nicht Streuverlust, sondern Multiplikatoren.
Und der Zweifel ist begründet. Bei einem EU-weiten Screening 2020 prüften die Verbraucherschutzbehörden 344 Umweltaussagen genauer. Bei rund 42 % davon bestand der Verdacht, sie seien übertrieben, falsch oder irreführend; bei 59 % fehlten leicht zugängliche Belege (Europäische Kommission, Sweep 2020). Das war eine gezielte Stichprobe auffälliger Aussagen, kein repräsentativer Querschnitt aller Umweltclaims. Wer einmal in einer Branche erlebt hat, wie oft „klimaneutral“ am Ende „kompensiert über ein Zertifikat zweifelhafter Qualität“ heißt, liest jedes neue Versprechen mit angezogener Handbremse.
Woran ich einen glaubwürdigen Claim erkenne
Es ist kein Hexenwerk, und es ist auch keine Frage des Budgets. Ich glaube einer Zahl, wenn vier Dinge zusammenkommen:
- Die Zahl selbst — konkret, nicht „bis zu“, nicht „mehr“.
- Das Bezugsjahr — verglichen womit, seit wann?
- Die Methodik — wie wurde gemessen, welcher Scope?
- Eine unabhängige Prüfung — oder zumindest eine nachvollziehbare Quelle, der ich folgen kann.
„34 % weniger CO₂-Äquivalent gegenüber 2022, Scope 1–2, geprüft von [Stelle]“ — das glaube ich, das verlinke ich sogar weiter. „Klimaneutral“ ohne Scope und ohne Prüfstelle — das ist für mich kein Versprechen, das ist eine Behauptung. Der Unterschied ist nicht Tonalität. Es ist, ob jemand bereit war, sich überprüfbar zu machen.
Und ja, das gilt nicht nur für grüne Claims. „Spart Ihrem Team 10 Stunden pro Woche“ ist exakt dieselbe Baustelle: Welches Team, gemessen wie, gegenüber welchem Ausgangszustand? Ein Beleg verwandelt eine Marketing-Aussage in ein Argument. Und ehrlich gesagt — ein richtig guter überzeugt sogar mich. Das passiert öfter, als mein Ruf als Spielverderberin vermuten lässt.
Die Regulierung holt nur ein, was kritische Käufer längst tun
Was mich an dieser Stelle ruhig macht: Ich muss nicht darauf hoffen, dass Anbieter freiwillig sauberer werden. Die EU schreibt es zunehmend vor. Die EmpCo-Richtlinie (EU) 2024/825 verbietet ab dem 27. September 2026 generische Umweltaussagen ohne anerkannten Nachweis. Eine zusätzlich vorgeschlagene Green-Claims-Richtlinie hätte sogar eine Substantiierung vor der Aussage verlangt — ihr Schicksal ist allerdings offen: Die EU-Kommission kündigte im Juni 2025 ihre Absicht zur Rücknahme an, der geplante Trilog wurde abgesagt, formal ist der Vorschlag aber weiterhin anhängig. Und das Wettbewerbsrecht behandelt irreführende Behauptungen und das Vorenthalten wesentlicher Informationen ohnehin als unlauter — in Deutschland über das UWG (§ 5, § 5a), in Österreich über das UWG (§ 2).
Für ehrliche Anbieter ist das keine Bürde, sondern ein Filter: Wer schon heute mit Zahl, Bezugsjahr und Methodik arbeitet, startet mit einem deutlichen Vorsprung. Wer auf vage Superlative gebaut hat, verliert sie — bei mir sofort, beim Gesetzgeber etwas später.
Mein eigener blinder Fleck
Wenn ich ehrlich bin — und Ehrlichkeit ist mir wichtiger als der eigene Auftritt: Meine Strenge hat eine Kehrseite. Eine Quelle, die meine Haltung bestätigt, prüfe ich schwächer als eine, die ihr widerspricht. Das ist ein klassischer Bestätigungsfehler, und ich sitze ihm genauso auf wie alle anderen. Eine gut gemachte Studie, die mir nicht in den Kram passt, hätte es bei mir schwerer als eine mittelmäßige, die mir recht gibt.
Ich erzähle das nicht aus Koketterie, sondern weil es zur Sache gehört: Wer Belege einfordert, muss die eigenen Maßstäbe auch auf die eigenen Lieblingszahlen anwenden. Ein Claim wird nicht dadurch wahr, dass er sympathisch ist. Genau das ist der Punkt, an dem die meisten Diskussionen über „Vertrauen“ zu früh aufhören.
Was bleibt
Ehrlichkeit schlägt Hype — nicht als moralische Forderung, sondern als nüchternes Kalkül. Der vage Superlativ gewinnt vielleicht den ersten Blick. Der belegte Satz gewinnt die Entscheidung. Und er gewinnt die Leute, die anderen erzählen, was sie kaufen.
Also: Zeigen Sie mir die Methodik. Dann reden wir.